Gott kennt keinen Schlussstrich

IMAGE aktuell 28. April 2015

Wenn es um die Aufklärung eines Verbrechens geht – sind siebzig Jahre dann eine lange Zeit? Das kommt wohl darauf an, ob man Täter oder Opfer ist.

Wenn es um die Aufklärung eines Verbrechens geht – sind siebzig Jahre dann eine lange Zeit? Das kommt darauf an, ob man Täter oder Opfer ist. Die Täter haben, oft gerne, vieles oder alles vergessen, was sie angerichtet haben oder woran sie beteiligt waren. Den Opfern sind böse und bittere Tage eingebrannt, als wäre es gestern geschehen.
In Lüneburg steht gerade Oskar Gröning, 93 Jahre, vor Gericht. Er war zur Zeit des „Dritten Reichs“ im Dienst der Wehrmacht und im Vernichtungslager Auschwitz tätig. Er nahm den dorthin verschleppten Juden ihren letzten Besitz ab, trug den sorgfältig in Listen ein und sorgte dafür, dass die Geld- und Sachwerte zur Reichsregierung nach Berlin gelangten. Gröning selbst hält sich für „moralisch mitverantwortlich“, will aber die Frage einer Strafe dem Gericht überlassen. Eine persönliche Schuld kann er nicht erkennen, weil er sich als „kleines Rädchen im großen Getriebe“ versteht. Im Gerichtsverfahren gibt es aufwühlende Szenen. Eine 81-Jährige, die Opfer in Auschwitz war mit ihrer an medizinischen Experimenten verstorbenen Zwillingsschwester, hat, wie sie sagen ließ, den Nazis vergeben, um „in Frieden leben zu können“. Dies verstehe sie aber nicht als rechtlichen Freispruch. Ein heute 86-Jähriger erzählt unter Tränen, wie er damals genau zwei Sekunden Zeit hatte, sich von seinem Vater und seinem Onkel zu verabschieden. Und warum er bald wusste, dass er die beiden nie wiedersehen werde. Andere Häftlinge hätten auf die Schornsteine der Verbrennungsöfen gezeigt und gesagt: Da sind sie hindurch gegangen.
Wir wissen, dass Mord nie verjährt. Opfer und Angehörig haben also einen Rechtsanspruch darauf, dass Taten gesühnt und Täter verurteilt werden. Wenn wir Opfer wären, läge uns auch daran, vermute ich, dass die an uns Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. Gerechtigkeit ist für erlittenes Leid eine gewisse Genugtuung. Gerechtigkeit ist aber mehr als Genugtuung; sie ist auch eines der Lichter Gottes in der Welt. Menschen erhoffen von Gott, dass er Böses nicht ungesühnt lässt und Verwundete heilt. Die Hoffnung ist ausgedrückt im Prediger Salomo (12,14), geschrieben etwa 300 Jahre vor Jesus: „Gott wird alle Werke vor Gericht bringen; alles, was verborgen ist.“ Wir hoffen also zu Recht darauf, dass Untaten gerichtet und verletzte Seelen geheilt werden. Gott kennt keinen Schlussstrich unter Verbrechen. Auch wenn Täter sich den gerne wünschen.
Viele Opfer erfahren aber keine Genugtuung im Leben, das wissen wir auch oder spüren es. Das Leben ist nicht gerecht; es gleicht nicht alles aus. Uns bleibt die Hoffnung, dass Gott sich dessen annimmt. Er hat versprochen, dass er Recht schaffen wird (Psalm 103,6). Den Zeitpunkt bestimmt er allein. Bis dahin achten wir darauf, gerecht zu sein gegenüber allen Menschen. Gottes Recht beginnt, wo mein Herz für Opfer schlägt und ich ihnen meine Hände reiche.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

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