Archiv für den Monat: März 2015

Der Mensch ist nicht regelbar

IMAGE – aktuell 31. März 2015

Dass der Absturz des Flugzeugs über Frankreich am 24. März 2015 kein Unglück war, sondern absichtlich herbeigeführt worden sein soll, macht viele fassungslos. Wie können wir damit leben?

So kann der Mensch auch sein, müssen wir wieder erkennen. Der Absturz des Flugzeugs vor einer Woche über Frankreich war wohl kein verhängnisvolles Unglück, sondern könnte die willentliche Tat eines Einzelnen gewesen sein. Der 28-jährige Co-Pilot, sagen Ermittler, soll das Flugzeug mit 149 Personen an Borg planvoll zum Absturz gebracht haben. Ob es eine Tat aus Verzweiflung war oder eine Demonstration der Macht, werden die weiteren Ermittlungen vielleicht noch ergeben. Manches wird womöglich auch im Dunkel bleiben.

Zweierlei wird dabei schmerzlich bewusst. Zum einen: So kann der Mensch auch sein, ohne Hoffnung und zerstörerisch; dabei rücksichtslos, was Schmerz und Trauer anderer angeht. Zugleich wird noch etwas bewusst, was wir vielleicht ahnen, aber gerne wieder vergessen: Der Mensch ist nicht regelbar. Es kann Augenblicke geben, meist unerwartete, da wird ein Mensch teuflisch aus Verzweiflung oder Machtgebaren – oder himmlisch, demütig und mitfühlend, weil er den eigenen Willen zurückstellt um anderer und um Gottes willen. Oft sieht es aus, als lebten Menschen lange Zeit gerne und gut in einem ruhigen Fluss der Vernunft, des Anstands und der Fürsorge für andere. Aber dann gibt es Zeiten oder Momente, da gilt das Erlernte nichts mehr. Und ein Mensch wächst über alles hinaus, was ihm lieb und teuer war, um andere zu retten; oder er unterschreitet alles, was die Vernunft rät – und zerstört sich und andere in einem Akt der Verzweiflung oder der Demonstration von Macht.

Die Karwoche erzählt uns beides von Menschen. Die einen, Judas und Petrus, verraten oder verleugnen aus Angst den, der ihnen das Liebste im Leben war. Andere, hier die Frauen, schweigen, lassen aber das ihnen Liebste nie allein und begleiten Jesus auf seinem schweren Weg bis zum bitteren Ende. Der Mensch kann beides sein: himmlisch oder teuflisch. Manchmal kann sogar ein Mensch beides sein: ein freundlicher, unauffälliger Nachbar und einer, der Unfassbares anrichtet. Kein Mensch ist regelbar oder in allem erklärbar.

Wie will ich sein? Das ist eine Karwochenfrage: Wie will ich sein in Stunden der Not? In eigener Not und in Not anderer? Wie will ich sein in Minuten oder Stunden, die unberechenbar sind und nicht planbar? Ich kann es nicht wissen. Ich kann nur wissen, was ich mir vornehme für Zeiten, die voller Verzweiflung sind. Darum sollte ich, lange vorher und immer, Gott bitten:

Gott, erfülle mich mit deinem Geist,
auch im Schmerz meines Körpers oder meiner Seele.
Bewahre mich davor, dass ich schuldig werde an dir und anderen.
Hilf mir, mein Gott, damit ich, auch in eigener Not,
anderen etwas Himmel sein kann.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

Sinn ist mehr als Erklärungen

IMAGE aktuell 25. März 2015

Ein Flugzeugunglück wie das in Frankreich lässt uns wieder die Frage stellen: Warum geschieht so etwas?

Warum geschieht so etwas? Ein Flugzeug stürzt ab; über hundert Menschen kommen ums dabei Leben, darunter Schüler und Lehrer aus Nordrhein-Westfalen. Noch viel mehr Leid kommt über die Seelen der vielen, die jetzt um ihre Verstorbenen trauern müssen. Warum geschieht so etwas?
Natürlich wird es Erklärungen geben: das Wetter, womöglich ein Versagen, technisch oder menschlich. Von den Ursachen der Katastrophe am Dienstagmorgen in Frankreich werden wir hören, gleich oder bald. Gelegentlich spricht man von einer Kette unglücklicher Umstände, die zu einem schweren Unglück geführt haben. Erklärungen wird es geben; Erklärungen sind aber noch kein Sinn. Menschen fragen ja viel tiefer als nur nach den Ursachen. Welchen Sinn hat so etwas? Und überhaupt: Gibt es einen Sinn? Es soll doch Sinn haben, das Leben. Möglichst auch das Leid im Leben, selbst das schwere. Kein Mensch kann leben ohne Sinn. Welchen Sinn also hat eine solche Katastrophe? Hat sie überhaupt einen? Das ist das Rätsel. Und es bleibt ein Rätsel, auch wenn alle Erklärungen Antworten versuchen. Sinn ist mehr als Erklärungen.
Sinn ist immer sehr persönlich. Und dauert lange. Sinn kann man auch nicht selber machen. Aber man kann ihn finden. Manchmal. Vermutlich nicht heute oder morgen, vielleicht auch nicht in ein oder zwei Jahren. Aber, manchmal jedenfalls, nach vielen Jahren. Mit Gottes und der Menschen Hilfe. Nach vielen Rätseln und seltsamen Wegen, oft auch nach vielen Schmerzen, setzt sich das Bild meines Lebens dann auf einmal doch neu zusammen. Und ich erkenne nach einer längeren Zeit und mit viel Abstand: Was damals nur schrecklich und sinnlos erschien, was damals nur ein langes Leiden war, sieht heute anders aus. Etwas weniger dunkel, nicht mehr nur leidvoll. Ganz vorsichtig gesagt: Was damals war, erscheint mir heute weniger sinnlos. Jedenfalls hoffe ich darauf. Für mich und für alle, die heute trauern oder tief erschrocken sind. Vor allem deswegen glaube ich ja an Gott, suche ihn und frage nach ihm. Weil ich auf Sinn hoffe und ihn von Gott erwarte.
Wer sonst sollte die Rätsel meines Lebens lösen können? Wer, wenn nicht Gott, sollte meinem Leben den Sinn geben können, den ich brauche?
Bis dahin will ich das tun, was ich kann: So tapfer wie möglich bleiben, Menschen um Beistand bitten und hoffen. Hoffen auf Gott.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

Projektteam Kirche & Film zeigt „Birdwatchers“

Besondere Filme auf neue Art sehen
Das Projektteam Rollenwechsel – Kirche & Film zeigt den Film „Birdwatchers – Das Land der roten Menschen“ in der Citykirche am Jesuitenplatz in Koblenz am Donnerstag, 26. März 2015 um 19.00 Uhr.
Die weißen Großgrundbesitzer im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul führen ein komfortables Leben. Neben dem Anbau genveränderter Pflanzen gehören „Birdwatching“-Touren für Touristen zu ihrer Einnahmequelle. Als Foto-Attraktion engagieren sie Guarani-Kaiowa Indianer, die von ihrem fruchtbaren Land vertrieben wurden. Deren perspektivloses Dasein löst eine Revolution aus…
Anstelle einer sonst bei Filmen üblichen Werbung gibt es einen ausgewählten Kurzfilm, eine kleine Einführung in den Spielfilm und nach dem Abspann die Einladung zu einem Filmgespräch. Der Eintritt ist frei.
Ab Oktober 2015 plant das Rollenwechselteam eine weitere Filmstaffel in der Citykirche.
Das Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Dekanat Koblenz, der Katholischen Hochschulgemeinde, der Abteilung Medienkompetenz des Bistums Trier und der Katholischen Erwachsenenbildung.

Infos zum Projekt:
Matthias Olzem, Dekanat Koblenz, Florinspfaffengasse 14, 56068 Koblenz

Matthias Olzem (Tel. 0261-963558-22)

Neu denken! Veränderung wagen

28759coAm Beispiel von Fischerfamilien an den Küsten der Philippinen macht das kirchliche Hilfswerk MISEREOR in der Fastenaktion 2015 auf die weltweiten Auswirkungen des sich verändernden Klimas aufmerksam. Die Entwicklungen des Klimas müssen uns zu „neuem Denken“ anregen. Es ist höchste Zeit, Veränderungen zu wagen. Unterstützen Sie die MISEREOR-Fastenaktion 2015!

MISEREOR
IBAN DE75 3706 0193 0000 1010 10
BIC GENODED1PAX
Pax Bank Aachen
Herzlichen Dank!

Anekdoten-Konzert „Für solche Schweine spiele ich nicht!“

Ein außergewöhnliches und amüsantes Konzert findet am Sonntag, 15. März um
16.00 Uhr im Mariensaal von Kloster Arenberg statt: Erfahren Sie heitere und auch tragische Anekdoten über berühmte Komponisten und hören Sie dazu passend ausgewählte Vokal- und Instrumentalmusik. Denn eines ist klar: Das oben genannte Beethoven-Zitat gilt an diesem Nachmittag nicht; bei diesem Konzert spielen die Ausführenden selbstverständlich gerne für Sie…!Mitwirkende: Vokalensemble „Lucente“, Yannick Wahl (Bariton/Claviola) und Dekanatskantor Dr. h.c. Peter Stilger (Flügel/Leitung). Der Eintritt ist frei; es wird um eine Spende gebeten.

Dr. h.c. Peter Stilger

Gegen die Hölle hilft nur Liebe

IMAGE aktuell 10. März 2015

Ein Kinofilm dieser Tage berührt große Ängste. Ein Grund, ihn anzuschauen und zu fragen: Habe ich, so weit das möglich ist, mit meinen Angehörigen über alles Nötige gesprochen?

Plötzlich fehlt ihr ein Wort. Ein kleiner Moment nur, aber er tut weh. Das Wort will ihr nicht einfallen, und es heißt auch noch: Wortschatz. Ein paar Tage später steht sie vor ihrem eigenen Haus und weiß nicht mehr, wo sie ist. Sie kommt vom Joggen zurück; alles dreht sich in ihr. Der Moment dauert dann schon länger und tut noch mehr weh. Alice, die Amerikanerin und Sprachwissenschaftlerin, ist fünfzig Jahre alt und vergisst immer mehr. Was ist los?, denkt sie und geht zum Arzt. Der untersucht sie und sagt, sie habe Alzheimer, leider sehr früh. Sie habe die Krankheit geerbt und könnte sie an ihre drei erwachsenen Kinder weiter vererbt haben. Nun erschrecken auch Ehemann und Kinder. Diese Geschichte erzählt der Film „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“, der gerade in unseren Kinos läuft und für den die Hauptdarstellerin Julianne Moore vor zwei Wochen den Oscar gewonnen hat. Sie spielt, wie Alice sich allmählich immer mehr vergisst: Wer sie war, woher sie kommt, was sie will. Ihre Familie macht sich kundig über die Krankheit und versucht zu helfen. Bald ist klar: Gesund wird die Mutter nie mehr. Eines Nachmittags, als ihr wieder sehr vieles schiefgegangen ist, sagt Alice laut zu sich: Es ist die Hölle.

Ich glaube ihr das. Man sieht es ihrem Gesicht an. Dem Ehemann und den Kindern auch. Sie alle möchten leben, lachen, feiern – aber da ist Alice, die sich immer mehr vergisst und spürt, dass sie zu einer Last wird. Nichts hilft, außer einem: Alle müssen diese Last tragen. Gemeinsam. Verschweigen hilft nicht; sprechen tut gut. Überspielen hilft nicht; ehrlich sein schon. Wer einen Verwandten hat, der sein Gestern vergisst und immer weniger weiß, wer er oder sie einmal war, soll sprechen. Nichts verschweigen. Keine Mühsal verleugnen. Und ehrlich sein zu sich. Oft geht es zu Hause nicht mehr mit der Pflege. Man kann nicht alles schaffen, auch wenn man den Anspruch hat. Oft ist ein Heim dann die bessere Lösung. Bei Alice hilft eine Tochter. Sie zieht zur Mutter. Nicht gerne, aber sie folgt ihrem Pflichtgefühl. Nachmittags liest sie der Mutter manchmal etwas vor. Aus einem Buch über Planeten und andere Welten. Man sieht, dass die Mutter kein Wort versteht. Hast du das verstanden, fragt die Tochter? Ja, sagt Alice. Und worum ging’s, fragt die Tochter? Um Liebe, sagt Alice.

Ja, nur darum geht’s. Um Liebe nämlich, wenn eine Hölle droht. Jeder Kranke bittet: Habt mich noch lieb. So, wie ich bin. So, wie ich gewesen bin. Auch wenn ich mich vergesse – vergesst ihr bitte nicht, wer ich einmal war für euch. Und passt auf mich auf. Behaltet mich lieb. Gegen die Hölle hilft nur Liebe.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

„Futter für die grauen Zellen“

Unter dem Motto „Gut leben im Alter“ bieten der Pflegestützpunkt Koblenz-Ost und die Arenberger Caritasvereinigung folgende Veranstaltungen an:
„Futter für die grauen Zellen“
Am Mittwoch, den 11. März 2015 gibt Herr Christof Wölk eine Einführung in das ganzheitliche Gedächtnistraining. Anhand praktischer Beispiele und vielfältiger Anregungen wird uns der zertifizierte Gedächtnistrainer aufzeigen, was man tun kann, um geistig und körperlich rege zu bleiben.
Anmeldung ist erforderlich bei Ingrid Lenz-Schmalenbach, Tel. 0261-94249652 oder bei Franz Josef Weber, Tel. 0261-94249651.
Kosten für Brunch: 5,00 €
Ein Fahrdienst kann bei Bedarf zur Verfügung gestellt werden (Herr Wallrich, Tel. 0261-650740).
Ort der Veranstaltungen:

Caritashaus St. Elisabeth, Pfarrer-Kraus-Str. 150, 56077 Koblenz

Ingrid Lenz-Schmalenbach

Weltgebetstag – Frauen aller Konfessionen laden ein

Es ist eine gute und lange Tradition, dass sich am ersten Freitag im März weltweit Menschen treffen, um gemeinsam zu beten und zu singen – jeweils gemäß einer Gottesdienstordnung, die Frauen in ökumenischer Zusammenarbeit aus einem bestimmten Land vorbereitet haben. In diesem Jahr sind es die Frauen von den Bahamas, die uns am 6. März unter dem Leitwort: „Begreift ihr meine Liebe?“ dazu einladen.
28793coPassend zur Passionszeit greift dieser Titel die Erzählung von der Fußwaschung der Jünger aus dem Johannesevangelium auf. Nachdem Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, heißt es dort: Jesus sagt: „Begreift ihr, was ich für euch getan habe?“ In der Liturgie für den Weltgebetstag spielt die Fußwaschung eine zentrale Rolle. In dieser Symbolhandlung erleben einige Frauen stellvertretend für viele, wie sich Lebenssituation und gesellschaftliche Verhältnisse durch gemeinsames Engagement verändern können.
Die Menschen von den Bahamas führen uns durch die Liturgie. Die Bahamas sind in unseren Breitengraden zunächst als traumhaftes Reiseparadies im Bewusstsein. Der Inselstaat zwischen den USA, Kuba und Haiti besteht aus 700 Inseln, von denen nur rund 30 bewohnt sind. Seine rund 372.000 Bewohnerinnen und Bewohner sind zu 85% Nachfahren der ehemals aus Afrika versklavten Menschen. Die Bahamas sind ein christlich geprägtes Land: über 90% der Bevölkerung gehören einer der christlichen Kirchen an. Die Bahamas sind das reichste karibische Land und gehören zu den hochentwickelten Ländern weltweit. In der sozialen Entwicklung und bei der Gleichstellung von Frauen und Männern schneiden sie im internationalen Vergleich recht gut ab. Zugleich gibt es aber auch gravierende soziale Probleme: Rund 10% der Bevölkerung sind arm, es herrscht hohe Arbeitslosigkeit und gut Ausgebildete wandern ins Ausland ab. Erschreckend hoch sind die Zahlen zu häuslicher und sexueller Gewalt gegen Frauen und Kinder. Die Bahamas haben eine der weltweit höchsten Vergewaltigungsraten.
Die Frauen von den Bahamas laden auch uns in diesem Jahr ein, mit ihnen ihre Situation vor Gott zu bringen. In unserer Pfarreiengemeinschaft finden folgende Gottesdienste am Freitag, 6. März statt:
Arenberg (auch für Niederberg): Versöhnungskirche – 15.00 Uhr Information über Land und Leute 17.30 Uhr Ökumenischer Gottesdienst
Arzheim: St. Aldegundis – 16.30 Uhr Ökumenischer Gottesdienst
Asterstein: Seniorenheim ISA – 15.00 Uhr Ökumenischer Gottesdienst
Horchheim: Lutherkapelle – 16.00 Uhr Ökumenischer Gottesdienst
Pfaffendorf: Evangelisches Gemeindezentrum – 16.00 Uhr Ökumenischer Gottesdienst

Herzliche Einladung an alle (auch Männer sind willkommen)!
Dorothee Hoffend, Gemeindereferentin

Des anderen Schmerz

IMAGE aktuell 3. März 2015

Über die Zukunft der Erde und der Menschheit denkt der weltberühmte und sehr kranke Physiker Stephen Hawkins nach. Er hat einen erstaunlichen Rat für die Welt.

Er ist weltberühmt, sehr klug und sehr krank. Der britische Physiker Stephen Hawking ist heute 73 Jahre alt und leidet seit über fünfzig Jahren an einer schweren Nervenkrankheit. Er sitzt im Rollstuhl und kann sich nur über einen Sprachcomputer verständigen. Vor einigen Tagen hat er in einem Interview über die Zukunft der Menschheit gesprochen (focus-online vom 26. Februar 2015) und gesagt, dass jedes aggressive Verhalten ein Weg der Zerstörung sei. Er benennt die Krisen der Welt – Ukraine, Syrien, den Islamischen Staat im Irak und in Nigeria – die ungerecht verteilten Reichtümer der Welt und sagt sinngemäß: Der größte Fehler der Menschheit ist ihr aggressives Verhalten, ihr einander Bekämpfen um beinahe jeden Preis. Im schlimmsten Fall führe das einmal zu Kriegen mit Atomwaffen und zur Zerstörung des Planeten. Im gleichen Gespräch sagt er aber auch, was für die Menschheit hilfreich ist, um gemeinsam die Zukunft zu bestehen: die Fähigkeit zum Mitempfinden, die Empathie – das griechische Wort für Mitgefühl. Das Empfinden füreinander, sagt er, bringt uns zusammen in einem ruhigen und friedlichen Zustand.

Für einen Wissenschaftler ist das ein erstaunlicher Rat. Jesus sagt haargenau dasselbe mit etwas anderen Worten: Empfinde mit deinem Nächsten wie mit dir selbst. Oder: Tu anderen nichts, was du auch nicht erleiden willst. Oder: Achte selbst die, die dir Böses wollen. Das sind kurze Sätze, die schon zu Lebensweisheiten geworden sind, und die viele Menschen richtig finden, aber viele leider nicht befolgen. Jedenfalls dann nicht befolgen, wenn der Wunsch nach Vergeltung, nach Rache oder unbedingtem Recht-bekommen-wollen übermächtig wird. Ich kenne solche Wünsche auch von mir. Sie spielen nicht nur in der Weltpolitik eine Rolle, sondern auch im täglichen Leben von Menschen in Familien, Nachbarschaften, am Arbeitsplatz und auf der Straße. Wie du mir, so ich dir. Oder: Ich bin wichtiger als du. Oder: Erst komme ich …

Empathie, das Empfinden miteinander und füreinander, will aber den Ausgleich zwischen unterschiedlichen Standpunkten finden. Vor allem will es nur friedliche Mittel. Wir können die Weltpolitik nicht beeinflussen, das ist wahr. Wir können aber unser Leben so führen, dass darin Bösartigkeiten und Verachtung möglichst keinen Platz haben. Das macht immer Mühe, und verlangt von mir, dass ich mich in die Gedanken und Interessen eines anderen hineinversetze – wie Jesus sich das von mir wünscht. Achte auf dich, sagt er sinngemäß, achte auf dich so sehr, wie du auf die Wünsche der anderen achtest. Das ist kein Heilmittel für alles, aber oft der Anfang eines guten Weges. Was ich nicht will, tue ich auch keinem anderen. Des anderen Schmerz ist mein Schmerz.

Michael Becker
mbecker@buhv.de