Archiv für den Monat: Februar 2015

Worte, die ein Nest sind

IMAGE aktuell 24. Februar 2015

In China beginnt ein neues Jahr – mit vielen Sorgen vor unheilvoller Magie. Jeder Mensch glaubt etwas, hofft auf Magisches. Was könnte helfen?

Sie ist aus China und studiert in Hessen. Alles war gut bei Mai Lin. Wohnen, Essen, Arbeiten. Genauer gesagt: Bis vor ein paar Tagen war alles gut. Nun aber wachsen ihre Sorge, und zwar erheblich. Nein, nicht weil sie Ausländerin ist. Die Menschen sind alle freundlich zu ihr, sagt sie. Sie fühlt sich wohl in unserem Land. Sorge hat sie, weil in China ein neues Jahr beginnt. Das „Jahr des Schafes“. Schafe gelten aber als dumm, faul und gefräßig. Kein gutes Zeichen für das neue Jahr, sagt Mai Lin. Sie ist nämlich gerne fleißig. In China, hat sie gehört, haben sich Frauen sogar beeilt, ihr Kind noch vor Neujahr zur Welt zu bringen. Bloß nicht im Jahr des Schafes. Und Mai Lin hat die Sorge, dass dieses „Jahr des Schafes“ auf sie abfärbt. Dass sie nicht klug bleibt wie bisher. Dass sie viel zu viel essen wird. Das macht ihr Kummer. Was Menschen so glauben …

Nicht nur in China. Jeder Mensch glaubt etwas. An schwarze Katzen, die Unglück bringen. Oder Schornsteinfeger und ihr Glück. An Freitage, die auf einen 13. des Monats fallen, oder an heilige Rasen, auf denen die eigene Mannschaft immer gewinnt. Wenn die Mannschaft dann doch verliert, war der Pullover des Trainers schuld. Er hat ihn einfach gewaschen, diesen Glückspullover. Was Menschen so glauben – und manchmal auch nur an sich selbst. An die eigene Kraft, an Selbstheilung. An göttliche Funken in sich. Oder an heilende Steine auf der Fensterbank. Jeder Mensch glaubt. Man sollte nicht lächeln, an was einer oder eine so glaubt. Hoffnung auf etwas Magisches ist in uns allen. Die Welt soll mehr bieten als das, was wir sehen.

Was ich glaube, habe ich von meiner Oma. Die glaubte nicht an Schornsteinfeger oder heilende Steine oder an Krähen, die Unheil ankündigen. Auch an die eigene Kraft glaubte sie nicht. Die hatte sie nämlich schon lange nicht mehr. Dafür hatte sie Gicht und konnte kaum gehen, auch nicht gut greifen. Ihr Brot schnitten die Mutter oder ich für sie in kleine Stücke. Oma war außen schwach. Innen aber war sie stark. Abends, am Bett, sagte sie manchmal zu mir: Glaub nur, du wirst getragen. Von Gottes Worten. Sie sind wie ein Nest. Du musst nur wissen: Hab keine Angst, Gott ist immer größer. So war sie, die Oma. Auch in schwerer Krankheit. Sie glaubte an eine Magie der Worte. Der Gottesworte. Sie konnte kaum gehen, hatte aber Flügel. Innen. Da, wo die Seele ist. Auch als sie die Augen schloss, hielt sie sich ganz fest an dem, was die Worte ihr sagen: … mir wird nichts mangeln.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

Hoffnung für eine heilere Welt

IMAGE aktuell 19. Februar 2015

Die große Hoffnung für eine heilere Welt erklang vor einigen Tagen in schlichten Worten. Können wir uns an diese große Hoffnung halten?

Die große Hoffnung der Welt erklang in schlichten Worten vor einigen Tagen. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte sie am Sarg von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker im Berliner Dom. Die große Hoffnung lautet:

Nicht Armeen, nicht Krieg, nicht Zwang – sondern
das Wort kann den Lauf der Dinge prägen.

In diesen Tagen hoffen wir das besonders. Für den Osten der Ukraine ebenso wie für alle Krisengebiete, in denen Menschen und Soldaten keinen anderen Weg gehen als den der Waffen, des Tötens, manchmal des Ausrottens von Menschen und des Zerstörens vieler Lebensräume. Nur – hoffen wir es wirklich?

Es sieht oft anders aus. Auch im Alltag. Meist wird Zwang ausgeübt, oft das entwertende oder vernichtende Wort gewählt. Wenn etwas feststeht, dann dies: Zwang oder Waffen führen zu keinem gerechten und dauerhaften Frieden. Wer Zwang erlebt – auch den Zwang, den Menschen sich in Familien, Nachbarschaften oder Vereinen untereinander bereiten – denkt meist nicht an den Frieden, der damit bereitet werden soll, sondern denkt an Vergeltung. Wer auf Waffen oder Zwang hofft, muss wissen, dass dies weder ein frommer Wunsch noch eine wirkliche Hoffnung ist. Wirkliche Hoffnung setzt auf das Wort. Muss auf das Wort setzen. Natürlich verletzen Worte auch, beleidigen oder vernichten. Das wissen wir. Deswegen sollen Worte der Hoffnung gut bedacht und gewählt werden. Wer Gewalt in jeder Form vermeiden will, setzt auf Worte, auf Verhandlungen und Verträge. Die versprechen keine letztgültige Sicherheit, aber immerhin das Ruhen von Waffen, solange sich alle an ihre gegebenen Worte halten. Versprechen und Verträge sagen vor allem, dass jede Form von Zwang oder gar Blutvergießen ausgeschlossen werden soll. Mehr Hoffnung auf eine heilere Welt gibt es nicht.

Doch, eine noch. Und die bin ich. Ich versichere, dass ich keinerlei Gewalt oder Zwang ausüben werde. Ich versichere zugleich, dass ich zu meinen Worten stehe und mich an sie halten werde. Mit Gottes Hilfe daran halten werde. Wer Hoffnung für die Welt sein will, auch für seine kleine Welt, braucht Gottes Hilfe beim Einhalten von Versprechen. Gott selbst hält sich an seine Worte, die er gegeben hat (Prophet Sacharja, Kapitel 4, Vers 6, Einheitsübersetzung): Nicht durch Macht, nicht durch Kraft, allein durch meinen Geist soll es geschehen. Größere Hoffnung für eine heilere Welt gibt es nicht. Ich will mich darauf verlassen. Auch wenn es viel Mühe macht – ich will im Geist Gottes leben. Und mich bemühen zu heilen.

Michael Becker
mbecker@buhv.de