Archiv des Autors: P. Ignatius

Wenn Verrücktes herrlich wird

IMAGE- aktuell 25. August 2015

In Österreich ist seit vergangenem Freitag ein Stück auf Platz eins der Hitparade, das „Schweigeminute“ heißt und genau das ist: eine Minute Schweigen. Was hat es auf sich mit dieser Verrücktheit?

Schweigen ist Gold, manchmal. In diesen Tagen vor allem in Österreich. Dort ist seit dem vergangenen Wochenende ein Stück auf Platz eins in der Hitparade, das „Schweigeminute“ heißt. Wer sich das anhört, hört – nichts. Das ist jetzt kein Witz. Die Schweigeminute ist wirklich eine, die ihren Namen verdient. Viele Menschen kaufen das Stück und hören dann – Schweigen. Sogar Radiosender, die heutzutage nichts mehr fürchten als eine kurze Stille, spielen das Stück, wenigstens für ein paar Sekunden. Verrückt, nicht wahr? Aber manchmal wird Verrücktes ja herrlich, mit Gottes Hilfe. Das Schweigen in Österreich ist nämlich Gold wert. Mit dem einen Euro, den viele für die sechzig Sekunden Stille bezahlen, unterstützen sie Flüchtlinge in ihrem Land, besonders in Traiskirchen bei Wien. In dem Lager ist es besonders schlimm, wie die Zeitungen schreiben. Viel zu viele Menschen müssen dort auf engstem Raum leben. Es gibt kaum Ärzte und zu wenig Essen und Trinken. Geschimpft wird aber, wie in manchen Gegenden in Deutschland ja auch, ausdauernd über Ausländer oder Islam oder Schmarotzer. Dann doch lieber schweigen. Und helfen. Das Geld für die Schweigeminute, mittlerweile schon mehr als zehntausend Euro, ist für Bücher, Kleidung und Essen.

Viel können wir ja nicht tun für die, die zu uns wollen. Sie kommen, weil sie arm sind und in ihrer Heimat keine Aussicht auf Arbeit haben. Bald werden sie wieder zurückgeschickt werden. Armut ist bei uns kein Grund, um Asyl zu bekommen. Oder sie kommen nach Österreich und Deutschland, weil sie um ihr Leben fürchten mussten in ihrer Heimat Syrien, Irak oder im Libanon. Diese Menschen werden wohl bei uns bleiben. Wer um sein Leben gelaufen ist mit fast keiner Habe mehr in den Händen, muss einfach bleiben dürfen. In Sicherheit. Nicht nur im Lager wie zurzeit, sondern hoffentlich bald in einem Zimmer oder in einer Wohnung für den Winter. Manche kriegen dann auch eine Ausbildung oder Arbeit. Und eine Schule für die Kinder.

Auf jeden Fall bekommen sie ein freundliches Gesicht. Von mir und von Ihnen. Das macht Fremde ansehnlich. Und wertvoll. Es sind Menschen wie wir. Oft hoch gebildet. Vielleicht hören sie dann auch noch unsere Frage, wenn wir jemandem auf der Straße begegnen oder im Bus: Kann ich vielleicht helfen? Oder: Brauchen Sie etwas? Ein bisschen Halt sein in der Fremde, das können wir. Und das ist viel. Schön ist es sowieso. Was wissen wir schon von den Fremden. Ihrem Hunger, ihrer Angst. Ihren langen Monaten auf der Flucht.

Dann doch lieber schweigen. In der Stille ist mehr Gott als im Gerede. Manchmal ist Schweigen eben – reines Gold.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

Veränderung beginnt mit Achtsamkeit

IMAGEaktuell 18. August 2015

Am 13. August war der „Welterschöpfungstag“ (vor zehn Jahren am 20. Oktober). Das ist der Tag, an dem die erneuerbaren Quellen der Erde für dieses Jahr erschöpft sind. Welche Möglichkeiten haben wir, der Schöpfung zu helfen?

Unser Land erlebt einen schönen Sommer mit Schwimmbad, Eis und fröhlichen Ferienmenschen. Mitten in der Sommerfreude lese ich, was ich zunächst nicht verstehe – und mich dann betrübt. Vor fünf Tagen, am 13. August, war der „Welterschöpfungstag“. Das haben Umweltforscher aus vielen Ländern errechnet. Alles, was wir von diesem Tag an verbrauchen an Wasser, Holz und Energie, kann die Erde in diesem Jahr nicht mehr herstellen. Verschmutzte Luft und Wasser kann sie in diesem Jahr nicht mehr selbst reinigen. Sie ist erschöpft. Bis zum Ende des Jahres leben wir wie „auf Pump“. Was die Erde von sich aus herstellen kann, hat sie uns gegeben und haben wir genutzt. Wir leben nun, als gäbe es eine „zweite Erde“. Da es die aber nicht gibt, erschöpfen wir unsere eine Erde immer mehr. Im wirklichen Leben müsste ein Geschäft schließen und würde erst Anfang Januar wieder öffnen, wenn neue Ware für ein Jahr eingetroffen ist. Was wir uns also ab jetzt von der Erde nehmen, ist ein Vorgriff auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Wir verbrauchen dann, was eigentlich unseren Kindern und Enkeln gehört.

Was mache ich mit dieser Nachricht? Ich kriege einen Schrecken, das gebe ich zu. Ich wusste bisher nichts von einem „Welterschöpfungstag“ und habe jetzt davon in der Zeitung gelesen. Viele Forscher unterstützen diese Berechnung, auch wenn sie kleine Fehler haben könnte. Tatsache bleibt, dass wir der Erde täglich mehr Schaden zufügen, als sie verkraften kann. Was in diesem Jahr am 13. August der Fall war, war vor zehn Jahren noch der 20. Oktober. In jedem Jahr kommt die Erderschöpfung früher. Ich sollte also aufpassen.

Viel können wir ja nicht tun; aufpassen aber schon. Ich kann auf mich und mein Leben Acht geben: Was brauche ich wirklich? Was ist nötig und was nur leichtsinnig oder gar fahrlässig? Muss ich all das essen, was ich esse? Muss ich immer Auto fahren oder fliegen? Kann ich auch anders vergnügt sein als bisher, bescheidener vielleicht? Kann ich die Erde, die gute Schöpfung Gottes, auch mal in Ruhe lassen, ihr Erholung gönnen? Veränderungen beginnen immer mit Achtsamkeit. Es gehört zu meiner Freiheit als ein Kind Gottes, dass ich mich und mein Leben infrage stellen darf. Das ist ein wenig wie Buße tun. Auch Buße beginnt mit der Frage: Lebe ich nach Gottes Willen? Lebe ich seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen gegenüber angemessen? Mein Genuss an Gottes Schöpfung wächst mit meinem besseren Gewissen. Ich habe getan, was mir möglich ist. Ich habe mich bemüht, manches oder viel von dem zu unterlassen, was der Erde schadet. Ich bin den anderen Geschöpfen Gottes mit Achtung begegnet.

Es tut mir gut, wenn mein Gewissen reiner wird. Je mehr ich die Schöpfung achte, desto mehr achte ich auch den Schöpfer.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

Tod von Erwin Utters

Erwin-Pfarrei

Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir weggehen. (Albert Schweitzer)

Erwin Utters
* 25.03.1933 †16.07.2015

Die Nachricht vom Tod Erwin Utters erfüllt uns mit Trauer. Er konnte
der schwerer Krankheit nichts mehr entgegensetzen und ist im Kreis
seiner Lieben friedlich eingeschlafen.

Wir sind sehr dankbar für die
gemeinsame Zeit. In unseren Gedanken an ihn bleibt er bei uns und wir
wollen weiter Gemeinde sein. Er wird uns sehr fehlen .

Der Trauergottesdienst findet am Donnerstag, 23. Juli um 11.00 Uhr in St. Martin statt,
anschließend Beerdigung auf dem Friedhof Pfaffendorfer Höhe und Begegnung in der Kirche.
Gisela Schad, Pfarrgemeinderat
Peter Keßelheim, Verwaltungsrat
Ute Straube-Hammes, Pfarreienrat
Pater Ignatius Nadol, Pfarrer

Tod von Erwin Utters

Erwin-OrdenDer Tod ist nicht das Ende. Es ist die Liebe, die ihn überdauert. (Erwin Utters)

In unerschütterlichem Glauben an die Auferstehung unseres
Herrn Jesus Christus trauern wir in Dankbarkeit um unseren
lieben Bruder und Freund
Erwin Utters
* 25.03.1933 † 16.07.2015
Unzähligen war er über Jahrzehnte Seelsorger,
Begleiter und Tröster.

Prior Pater Christoph Kehr OT
Pater Ignatius Nadol OT
Pater Dieter Lieblein OT
Pater Bonifatius Heidel OT
Frater Julius Lemke OT

Wallfahrt der Pfarreiengemeinschaft nach Bornhofen

Das 10-jährige Bestehen unserer Pfarreiengemeinschaft begehen wir am 20. September mit einer Wallfahrt nach Bornhofen. Sie haben verschiedene Möglichkeiten, an der Wallfahrt teilzunehmen: per Schiff, per Rad oder zu Fuß. Nähere Informationen und Anmeldemöglichkeiten entnehmen Sie bitte dem Flyer:

FlyerPfarrgemeinschaft2015

Sie können sich bis zum 7. September anmelden.

Personalveränderung

In den vergangenen Tagen hat sich die deutsche Provinz des Deutschen Ordens zum jährlichen Provinzkapitel getroffen. In diesem Jahr haben wir auch die Provinzleitung neu gewählt. Einige von Ihnen haben die Neuigkeit bereits gehört: P. Christoph wurde zum neuen Prior (Provinzial) gewählt, dazu gratulieren wir ihm sehr. So sehr uns dies für unsere Provinz freut, so bedauerlich ist es für unsere Pfarreiengemeinschaft. P. Christoph wird die nächsten Wochen noch als Moderator für die Belange des KGVs zur Verfügung stehen, jedoch in absehbarer Zeit Koblenz verlassen und den Bischof um Entpflichtung bitten. Bis der Orden einen weiteren Mitbruder als Ersatz nach Koblenz schicken kann, wird sich die Seelsorge auf das restliche Team verteilen müssen. Die im Juni-Pfarrbrief abgedruckten Gottesdienste können alle wie geplant stattfinden, wir informieren Sie, sobald entschieden ist, wie es bei uns personell weitergeht.

Gott kennt keinen Schlussstrich

IMAGE aktuell 28. April 2015

Wenn es um die Aufklärung eines Verbrechens geht – sind siebzig Jahre dann eine lange Zeit? Das kommt wohl darauf an, ob man Täter oder Opfer ist.

Wenn es um die Aufklärung eines Verbrechens geht – sind siebzig Jahre dann eine lange Zeit? Das kommt darauf an, ob man Täter oder Opfer ist. Die Täter haben, oft gerne, vieles oder alles vergessen, was sie angerichtet haben oder woran sie beteiligt waren. Den Opfern sind böse und bittere Tage eingebrannt, als wäre es gestern geschehen.
In Lüneburg steht gerade Oskar Gröning, 93 Jahre, vor Gericht. Er war zur Zeit des „Dritten Reichs“ im Dienst der Wehrmacht und im Vernichtungslager Auschwitz tätig. Er nahm den dorthin verschleppten Juden ihren letzten Besitz ab, trug den sorgfältig in Listen ein und sorgte dafür, dass die Geld- und Sachwerte zur Reichsregierung nach Berlin gelangten. Gröning selbst hält sich für „moralisch mitverantwortlich“, will aber die Frage einer Strafe dem Gericht überlassen. Eine persönliche Schuld kann er nicht erkennen, weil er sich als „kleines Rädchen im großen Getriebe“ versteht. Im Gerichtsverfahren gibt es aufwühlende Szenen. Eine 81-Jährige, die Opfer in Auschwitz war mit ihrer an medizinischen Experimenten verstorbenen Zwillingsschwester, hat, wie sie sagen ließ, den Nazis vergeben, um „in Frieden leben zu können“. Dies verstehe sie aber nicht als rechtlichen Freispruch. Ein heute 86-Jähriger erzählt unter Tränen, wie er damals genau zwei Sekunden Zeit hatte, sich von seinem Vater und seinem Onkel zu verabschieden. Und warum er bald wusste, dass er die beiden nie wiedersehen werde. Andere Häftlinge hätten auf die Schornsteine der Verbrennungsöfen gezeigt und gesagt: Da sind sie hindurch gegangen.
Wir wissen, dass Mord nie verjährt. Opfer und Angehörig haben also einen Rechtsanspruch darauf, dass Taten gesühnt und Täter verurteilt werden. Wenn wir Opfer wären, läge uns auch daran, vermute ich, dass die an uns Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. Gerechtigkeit ist für erlittenes Leid eine gewisse Genugtuung. Gerechtigkeit ist aber mehr als Genugtuung; sie ist auch eines der Lichter Gottes in der Welt. Menschen erhoffen von Gott, dass er Böses nicht ungesühnt lässt und Verwundete heilt. Die Hoffnung ist ausgedrückt im Prediger Salomo (12,14), geschrieben etwa 300 Jahre vor Jesus: „Gott wird alle Werke vor Gericht bringen; alles, was verborgen ist.“ Wir hoffen also zu Recht darauf, dass Untaten gerichtet und verletzte Seelen geheilt werden. Gott kennt keinen Schlussstrich unter Verbrechen. Auch wenn Täter sich den gerne wünschen.
Viele Opfer erfahren aber keine Genugtuung im Leben, das wissen wir auch oder spüren es. Das Leben ist nicht gerecht; es gleicht nicht alles aus. Uns bleibt die Hoffnung, dass Gott sich dessen annimmt. Er hat versprochen, dass er Recht schaffen wird (Psalm 103,6). Den Zeitpunkt bestimmt er allein. Bis dahin achten wir darauf, gerecht zu sein gegenüber allen Menschen. Gottes Recht beginnt, wo mein Herz für Opfer schlägt und ich ihnen meine Hände reiche.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

Erdbeben in Nepal

Nach dem Erdbeben in Nepal ist das aktuelle Ausmaß der Tragödie noch nicht absehbar. Die Zahl der Opfer wird ständig nach oben korrigiert. Wenn Sie helfen möchten, können Sie über Misereor spenden:

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Miseror
Nepal Erdbeben
IBAN: DE75 3706 0193 0000 1010 10
BIC: GENODED1PAX

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Mit gutem Beispiel voran

IMAGE aktuell 21. April 2015

Ein junger Firmenchef in den USA startet eine ungewöhnliche Aktion.
Seine Mitarbeiter sind begeistert. Womöglich lacht sogar der Himmel.

Geschichten gibt’s – die kann man gar nicht glauben. Und doch sind sie wahr. Diese hier zum Beispiel, von der Zeitungen vor drei Tagen berichten (Spiegel-online u.a.; 18. April 2015). In den USA bestellt ein Chef alle seine 120 Mitarbeiter zu sich und sagt: Ich habe lange gerechnet; und hoffentlich richtig gerechnet. Wenn ich auf mein zu großes Gehalt von einer Million Dollar verzichte, kann ich jedem und jeder von euch mehr bezahlen, noch mehr als den Mindestlohn. Alle bekommen dann den gleichen Lohn – vom Chef bis zum Pförtner – nämlich 70.000 Dollar im Jahr. Das ist viel. Davon kann dann jeder auf ein Häuschen sparen und auch eine bessere Ausbildung der Kinder bezahlen. Als die Frauen und Männer in seinem Betrieb das hören, manche sogar weinen müssen und es kaum fassen, sagt der Chef noch: So könnten wir doch alle zufriedener sein und sorgloser arbeiten, oder?
Es klingt wie ein Märchen; es ist aber keins. Der 30 Jahre alte Chef, der in einer Drei-Zimmer-Wohnung lebt und ein eher älteres Auto fährt, verzichtet auf sein großes Gehalt, damit viele andere in seinem Unternehmen mehr bekommen. Und sie dann auch ihre Kinder besser ausbilden können. Wo gibt’s denn so etwas? Das gibt es, vermutlich auch bei uns. Viele, die viel Gutes tun, reden nur nicht darüber. Warum auch. Sie wollen einfach nur Gutes tun und nichts davon an die große Glocke hängen, wie man so sagt. Sie leiden selber keinerlei Not und wollen, dass auch andere besser gestellt werden. Gehen mit gutem Beispiel voran. Aber nicht selbstlos, wie man denken könnte. Nein, sie rechnen nur richtig. Zufriedene Mitarbeiter leisten mehr. Fröhliche Angestellte verziehen nicht dauernd die Mundwinkel. Womöglich wird auch weniger mit den Ellbogen gekämpft. Mehr Geld gibt es ja doch nicht. Warum also gegeneinander arbeiten?
Eigentlich gewinnen alle. Vom Kleinsten bis zum Größten. Wenn das kein Beispiel ist. Ein Beispiel für Gerechtigkeit. Es ist schlimm, wenn Arme arm bleiben müssen, obwohl sie tüchtig arbeiten können. Es ist schlimm, wenn Ärmere dann eben auch ihre Kinder nicht ausbilden können und sich in keinen Urlaub trauen. Könnte zu teuer werden. Trostlos klingt das, muss aber nicht so bleiben. Manchmal kann, wie das Beispiel aus Amerika erzählt, schon einer, oder eine, für mehr Gerechtigkeit sorgen. Für heile Seelen also. Auf dem Fleckchen Erde, auf dem man lebt, geht das. Es muss auch nicht immer mit Geld zu tun haben. Mit ein wenig Fantasie gibt es auch andere Wege zu mehr Gerechtigkeit. Dann lacht uns der Himmel. Und Gott freut sich mit.

Michael Becker
mbecker@buhv.de

Was uns selig macht

IMAGE aktuell 14. April 2015

Die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland nimmt zum Teil rohe Formen an. Wollen wir – und wenn Ja – wie können wir dem begegnen?

In Tröglitz in Sachsen-Anhalt wurde kürzlich das Haus angezündet, in dem 40 Flüchtlinge Platz finden sollen. Vorher war dort schon der Bürgermeister – später auch der Landrat – mit dem Tode bedroht worden. Wer Leserkommentare im Internet liest, erschrickt vor den Ausdrücken, mit denen Flüchtlinge bedacht werden. Darüber schreibt ein Redakteur diese Woche: Jeder fünfte Deutsche neigt dazu, Ausländer zu beschimpfen, laut oder im Stillen. Auch Menschen in Kirchengemeinden sind gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden vermutlich nicht nur freundlich gesinnt.
Die Menschen aus anderen Ländern kommen nicht gerne hierher. Viel lieber blieben sie in ihrer Heimat. Dort aber ist Krieg oder wirtschaftliche Not. Das spüren vor allem Kinder. Eine Million Kinder sind zurzeit mit oder ohne Eltern oder Familie auf der Flucht: Syrer, Kurden, Libanesen, Iraker, Iraner und viele andere. Die Erwachsenen sind oft gut ausgebildet und hatten einen Beruf. Jetzt haben sie als Besitz noch das, was sie tragen können. Warum wird ihnen mit Häme oder Hass begegnet?
Weil Menschen oft Angst haben, zu kurz zu kommen. Das ist weit verbreitet. Man fürchtet, zu kurz zu kommen. Man fühlt sich selbst auf keiner sicheren Seite und sorgt sich, dass andere einem etwas wegnehmen. Es geht dabei nicht so sehr um Menschen aus anderen Ländern. Wenn, mal angenommen, Menschen aus Hamburg Platz finden müssten in, sagen wir München, wäre es ähnlich, vermute ich. Das Gefühl, zu kurz zu kommen, etwas zu verlieren oder etwas nicht mehr finden zu können, was man für lebensnotwendig hält, ist nicht an Menschen aus anderen Ländern gebunden. Die Angst ist einfach da. Wer unbedingt etwas erreichen will, dem sind andere oft im Weg.
Wer in sich daran etwas ändern will, braucht eine wichtige Einsicht. Die heißt: Ich habe ziemlich viel von dem, was ich zum Leben brauche. Andere haben wenig oder nichts von dem, was sie zum Leben brauchen. Hilfe für andere, wenn man sie will, führt über diese Einsicht. Nur über diese Einsicht. Dann möchte man nämlich, als Einzelner oder als Gemeinde, einen gewissen Ausgleich schaffen zwischen denen, die einigermaßen viel haben und denen, die fast nichts haben. Wenn man das tut – ob mit Geld oder Zimmern oder in Vereinen und in der Gemeinde – erhält man ein eigenartiges Geschenk: Niemand, der abgibt, verliert etwas oder kommt zu kurz. Das ist eigenartig, aber deutlich. Zu kurz kommt, wer behält; weil es einem letzten Endes doch nie genügt. Wer teilt, wird reich. In der Bibel heißt dieses Geschenk „Reich Gottes“. Die eigenen Sorgen werden kleiner, wenn man sich anderer Sorgen annimmt. Weil man so reich wird an Gott.
Etwas können wir immer tun: Bleiben wir freundlich gesinnt; lassen wir uns durch Unfreundlichkeit nicht beirren. Jede Zuwendung macht selig.

Michael Becker
mbecker@buhv.de